Kommunikation und Inszenierung im Web 2.0 PDF

Wie bin ich geworden, wer ich bin? Das Private in kommunikation und Inszenierung im Web 2.0 PDF Politik: Ein neuer Medientrend? Professorin für Publizistik an der Universität Mainz. Anschrift: Institut für Publizistik, 55099 Mainz.


Författare: Rainer Brandenburg.
Masterarbeit aus dem Jahr 2013 im Fachbereich Soziologie – Kommunikation, Note: 1,0, Justus-Liebig-Universität Gießen, Sprache: Deutsch, Abstract: (…)
Zum einen wären hier (für die vorliegenden Absichten dieser Arbeit) identitätsbildende Prozesse in der gesellschaftlichen Umwelt zu nennen. Damit sind all jene Abläufe gemeint, die dazu beitragen, dass individuelle Selbst zu beeinflussen und zu formen und das Ganze im Wechselverhältnis von online-spezifischen Milieu und lebensweltlicher Umwelt. Ansatzpunkte wären die kommunikativen Prozesse und inszenatorischen Darstellung(en) des Alter und Ego im Netz. Wie werden Identitäten auf die Metaebene projiziert und welchen Einfluss haben sie umgekehrt? Welche Rollenausprägungen werden auf der einen Seite virtuell, auf welche Weise durch das Selbst probiert und wie schlägt sich das lebensweltlich nieder? Welche gesellschaftliche Realität und die Auslegungen dessen tritt dadurch zu Tage? Diesen Fragen könnte durch die Einbeziehung und Abstraktion der Theoreme von u.a. Erving Goffman, Niklas Luhmann, Peter Berger/Thomas Luckmann sowie Lothar Krappmann (bzw. Erik H. Erikson) nachgegangen werden.
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Eine rein deskriptive Bearbeitung dieses Untersuchungsfeldes, wie der Titel der Arbeit eventuell nahelegen könnte, würde zu kurz greifen und ist nicht und war nie beabsichtigt. Erst in einer Kontrastierung mit der ,realen Welt‘ wird im Sinne Goffmans das besondere der Kommunikation und Inszenierung in der virtuellen Welt trennscharf identifizierbar. In beiden Welten sind Vergesellschaftsprozesse konstitutiv, wie sie in den Theoremen Berger und Luckmanns näher definiert sind. Sie bestimmen das Handeln des Subjekts in ihnen, werden aber ebenso vom handelnden Subjekt determiniert, ausgefüllt und gegebenenfalls verändert. Als Schnittstelle für eine Beschreibung dieser wechselseitigen Wirkfaktoren scheint für die Absicht dieser Arbeit das theoretische Konstrukt der Identität besonders geeignet. Einer kontrastierenden Betrachtungsweise soll dadurch eine theoretische Fundierung gegeben werden, die hoffentlich verwertbare Aussagen und weiterführende Fragestellungen generiert.
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Parteienspots im Fernsehen 1957-1998, Wiesbaden 2000. Anders als in den USA und Großbritannien bewahrten bisher die deutschen Medien ein Tabu gegenüber der Privatsphäre von Politikern. Es sieht allerdings so aus, als ob die Gültigkeit dieses Tabus schwindet. Seine Wahlkämpfe dienen als Lehrbeispiele professionalisierter Kampagnenorganisation, die sich die Medien bestmöglich zunutze macht, sich ihren Gesetzen dafür aber auch weitgehend unterwerfen muss. Auf der anderen Seite hat die Lewinsky-Affäre nur zu deutlich gemacht, dass das innige Verhältnis des Politikers zu den Medien stets auch die Gefahr birgt, deren Opfer zu werden. In drastischer Weise wurden der Weltöffentlichkeit Details aus Privat- und Intimsphäre des amerikanischen Präsidenten vorgeführt. Die vom Fernsehen übertragene Anhörung schien den mächtigsten Politiker der Welt auf die Rolle eines armen Sünders zu reduzieren.

Amerikanische Politiker sind es gewohnt, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auch ihrem Privatleben gilt. Die Watergate-Affäre, die die Frage nach der Moral in der Politik auf die Agenda brachte, gilt als das Ereignis, das der Diskretion der Presse, auf die etwa John F. Kennedy Anfang der sechziger Jahre noch bauen konnte, ein Ende gesetzt hat. Die amerikanische Presse – ohnehin der Politikinszenierung überdrüssig – macht an der von Kandidaten und Politikberatern errichteten Fassade nicht Halt. Die Diskretion ging einst so weit, dass Franklin D. Roosevelt, der von 1933 bis 1945 Präsident der USA war, auf Zeitungsfotos niemals in seinem Rollstuhl gezeigt wurde. Außereheliche Eskapaden der Politiker, wiewohl in Journalistenkreisen bekannt, waren kein Thema für die Medien.

Weil in den USA gilt, dass das Privatleben eines Kandidaten durchaus Aufschluss über seine Befähigung zum politischen Amt gibt, findet seine Privatsphäre ganz selbstverständlich das Interesse der Medien, aber auch der anderen Bewerber. Direkte Angriffe auf den Konkurrenten mit Hinweisen auf seine vermeintlich fragwürdigen Eigenschaften sind in amerikanischen Wahlkämpfen keine Seltenheit. Dass die Medien vor der Privatsphäre eines Politikers nicht Halt machen, ist indessen keineswegs ein ausschließlich amerikanisches Phänomen. Auch in Großbritannien wird dem Privatleben von Politikern politische Bedeutung beigemessen. Hier findet nicht nur die aggressive britische Boulevardpresse Futter, sondern auch die seriösen Blätter beteiligen sich an der Ausbreitung intimer Details. Solche Enthüllungen haben bereits mehrmals zu Rücktritten von Regierungsmitgliedern geführt.

Was das Verhältnis der Medien bzw. Journalistinnen und Journalisten zum Staat angeht, wird ihnen trotz aller Unabhängigkeit – zumal im Vergleich mit den angelsächsischen Ländern – eine größere Nähe zugeschrieben. Der Anspruch, eine Rolle als „Fourth Estate“, als Vierte Gewalt zu spielen – dies im Zusammenhang mit einem weiteren Verständnis ihrer öffentlichen Aufgabe -, ist zum Beispiel in Großbritannien stärker verankert als in den deutschen Medien. Das enge Verhältnis zwischen politischen Journalisten und Politikern in Deutschland ist auch von Journalisten selbst schon als Symbiose bezeichnet worden. Symbiose bezeichnet das Zusammenleben ungleicher Lebewesen zu deren gegenseitigem Nutzen.

Die einen suchen Öffentlichkeit, die anderen haben eine öffentliche Aufgabe zu erfüllen. Ungleich sind Politiker und Journalisten insofern, als sie unterschiedliche Ziele verfolgen – die einen wollen Macht, die anderen brauchen Informationen. Der Journalist, der gegen die stille Übereinkunft verstieß, musste insofern mit Konsequenzen rechnen, als ihm der Ausschluss von Hintergrundgesprächen drohte. Das ist nicht nur misslich mit Blick auf die Arbeit, sondern nagt außerdem an dem wonnigen Gefühl, das die Nähe zur Macht auslöst, die scheinbar – oder tatsächlich, wenn man sich etwa die Personalpolitik der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ansieht – abfärbt. Indessen hat sich etwas verändert am einst gedeihlichen Verhältnis zum gegenseitigen Nutzen. Die symbiotische Beziehung sei manchmal parasitär, heißt es nun. Parasitär aber nennt man ein Verhältnis, in dem es ein Partner darauf anlegt, den anderen zu seinem Vorteil auszunutzen.

Nun beklagen sich Journalisten über Instrumentalisierungsversuche durch die Politik, Politiker ihrerseits beklagen sich über die Behandlung durch die Medien. Das Ereignis, das den Dammbruch in dieser Hinsicht markiert, war der „Rosenkrieg“ nach der Trennung von Gerhard und Hiltrud Schröder. Nachdem zunächst eine nüchterne Meldung aus der Staatskanzlei Anfang März 1996 den Auszug des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten aus dem ehelichen Haus mitgeteilt hatte und erste Fotos von ihm mit „der Neuen“ aufgetaucht waren, stieg nicht nur die Boulevardpresse auf dieses Thema ein. Nach einem ersten Hoch der öffentlichen Aufmerksamkeit erreichte das Thema erneut breiteres Interesse, als Hiltrud Schröder im August 1997 dem SZ Magazin ein Interview gab und Vorwürfe gegenüber ihrem Mann erhob, die teils privater Natur waren, aber auch seine politische Rolle betrafen. Schließlich kehrte das Thema noch einmal zurück und fand seinen Abschluss, als im November 1997 der Scheidungstermin anstand. Bislang hatte in der deutschen Presse gegolten: Berichtet wird über Privatangelegenheiten nur mit dem Einverständnis des betroffenen Politikers.